Chemie-Tarifparteien sichern Beschäftigte für den Pflegefall ab

Darauf hatten sich die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) im letzten Tarifabschluss geeinigt. Nach Unterzeichnung der Verträge mit einem Konsortium deutscher Versicherungskonzerne beginnt nun die Umsetzung von Careflex Chemie in den Unternehmen. Gleichzeitig starten die Chemie-Sozialpartner eine bundesweite Kampagne, um Betriebe und Mitarbeiter über die Leistungen und Optionen der neuen Pflegezusatzversicherung zu informieren.

Die Unternehmen können zudem entscheiden, ob sie gut 130.000 außertariflich Beschäftigte und Führungskräfte zu identischen Konditionen wie die 450.000 Tarifarbeitnehmer versichern wollen. Die Beschäftigten haben anschließend die Möglichkeit, ihren eigenen Versicherungsschutz zu attraktiven Konditionen aufzustocken und auch die eigene Familie bei CareFlex Chemie zu versichern. Die Chemie-Sozialpartner investieren so gemeinsam in die soziale Sicherheit und bauen zugleich die Attraktivität der Branche aus.

Erste Branche in Deutschland

Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) haben sich in der Chemie-Tarifrunde 2019 auf ein umfassendes Tarifpaket geeinigt, das der schwierigen wirtschaftlichen Lage Rechnung trägt und zugleich neue, innovative Elemente enthält. Mit einer Laufzeit von 29 Monaten ist es der längste Tarifabschluss in der Chemie seit 1987. (v.l.n.r.: Georg Müller, Verhandlungsführer des BAVC; Ralf Sikorski, stellvertretender Vorsitzender und Verhandlungsführer der IGBCE; Kai Beckmann, Präsident des BACV; Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE) (Bild: BAVC)

Auf die Pflegezusatzversicherung hatten sich die Tarifparteien im Tarifabschluss Ende 2019 geeinigt. (Bild: BAVC)

BAVC-Präsident Kai Beckmann: „Als erste Branche sichert die Chemie ihre Beschäftigten für den Pflegefall ab. Damit greifen wir ein Thema auf, das zu oft unter dem Radar fliegt. Die eigene Pflege oder die der Angehörigen wird uns in den nächsten Jahren immer stärker fordern. Gut, dass unsere Beschäftigten ab Mitte 2021 besser abgesichert sind. Zugleich hat Careflex Chemie das Zeug, ein weiteres schlagkräftiges Argument für unsere Branche im Wettbewerb um die besten Köpfe zu werden.“

IG BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis: „Gute Tarifpolitik schützt die Beschäftigten und leistet einen Beitrag zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen. Mit Careflex Chemie gelingt uns beides. Wir sichern unsere Leute gegen das Pflegerisiko ab – ohne dass sie dafür bezahlen oder eine Gesundheitsprüfung durchlaufen müssen. Gleichzeitig stabilisieren wir das Pflegesystem. Nun muss das Modell auf außertarifliche und leitende Beschäftigte ausgeweitet werden. Die Chance bieten wir den Betrieben mit diesem Tarifvertrag – und wer sich Fachkräften als innovativer Arbeitgeber präsentieren will, sollte sie nutzen.“

Automatischer Start zum 1. Juli 2021

Vom 1. Juli 2021 an wird jeder Tarifbeschäftigte der chemischen Industrie automatisch besser für den Pflegefall abgesichert sein. Wer nach diesem Stichtag pflegebedürftig wird, erhält zusätzlich zur Ausschüttung aus der gesetzlichen Pflegeversicherung ein fest vereinbartes Pflegemonatsgeld von 300 Euro bei ambulanter Pflege oder 1.000 Euro bei stationärer Pflege. Durch die Absicherung aller Tarifbeschäftigten der Branche entfällt die individuelle Gesundheitsprüfung. Den monatlichen Beitrag von 33,65 Euro je Beschäftigten trägt der Arbeitgeber. Bei einem Wechsel der Branche oder mit Renteneintritt kann der Arbeitnehmer die Versicherung eigenfinanziert zu attraktiven Konditionen fortsetzen.

Zusätzlich zu der tariflichen Absicherung über Careflex Chemie haben Beschäftigte die Möglichkeit, die eigene tarifliche Pflegezusatzversicherung in den Leistungen flexibel und nur mit einer „Mini – Gesundheitsprüfung“ aufzustocken: durch Erhöhung des Pflegemonatsgeldes im ambulanten Bereich oder bei der stationären Pflege (CareFlex Aufstockung). Ehe- und Lebenspartner sowie Kinder der versicherten Beschäftigten können befristet mit einer verkürzten Gesundheitsprüfung privat abgesichert werden, während Eltern, Schwiegereltern und Enkel ebenfalls befristet mit normaler Gesundheitsprüfung versichert werden können (Careflex Familie).

Seit Jahren steigen die Pflegekosten ungebremst. Laut Verband der Ersatzkassen liegen die monatlichen Aufwendungen für stationäre Pflege im Bundesschnitt inzwischen bei 2015 Euro pro Monat – fast 7 % mehr als vor zwölf Monaten.

Pilotstart bei BASF, Bayer, Clariant und Evonik

Die Umsetzung von Careflex Chemie beginnt zunächst in einigen Pilotbetrieben, darunter BASF, Bayer, Clariant, Evonik oder Hesse Lignal. Ab September 2020 ist die Registrierung aller Unternehmen möglich. Ab Januar 2021 können die Daten der Arbeitnehmer in das Unternehmensportal hochgeladen werden. Der angemeldete Mitarbeiter kann seinen vertraglichen Status über das Mitarbeiterportal jederzeit passwortgeschützt einsehen.

Das Konsortium aus R+V, Deutsche Familienversicherung und Barmenia garantiert den kollektiven Beitrag von 33,65 Euro pro Monat sowie die dargestellten Leistungen bis Ende 2023. Anpassungen des Beitrags oder der Leistungen sind ab 2024 möglich, wenn ein externer Treuhänder dies nach Prüfung objektiver Rahmenbedingungen bestätigt. Für BAVC und IG BCE ist entscheidend, dass sich diese Anpassungen nicht automatisch vollziehen. Eine Beitragserhöhung oder alternativ eine Reduzierung der Leistungen bedarf in jedem Fall der Zustimmung beider Tarifparteien. (jg)

Chemie-Tarifrunde 2019: Die Ergebnisse

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Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) haben sich in der Chemie-Tarifrunde 2019 auf ein umfassendes Tarifpaket geeinigt, das der schwierigen wirtschaftlichen Lage Rechnung trägt und zugleich neue, innovative Elemente enthält. Mit einer Laufzeit von 29 Monaten ist es der längste Tarifabschluss in der Chemie seit 1987. (v.l.n.r.: Georg Müller, Verhandlungsführer des BAVC; Ralf Sikorski, stellvertretender Vorsitzender und Verhandlungsführer der IGBCE; Kai Beckmann, Präsident des BACV; Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE) (Bild: BAVC)
„Wir haben einen kräftezehrenden Verhandlungsmarathon hinter uns“, sagte der stellvertretende Vorsitzende und Verhandlungsführer der IG BCE, Ralf Sikorski. Zwei Tage hatten Arbeitgeber und Gewerkschaft in zähen Verhandlungen miteinander gerungen. Mit dem Endergebnis zeigten sich beide Seiten zufrieden. (Bild: IG BCE)
„Der Abschluss zeigt, dass sich mit einer starken und kompetenten IG BCE in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten tarifpolitische Innovationen für die Beschäftigten durchsetzen lassen“, sagte der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis. (Bild: IG BCE)
„Es hat sich gelohnt, bis zuletzt für die Belange der Beschäftigten zu ringen“, sagte Verhandlungsführer Ralf Sikorski. „Nichts brennt ihnen derzeit so auf den Nägeln wie die wachsende Arbeitsverdichtung und die Frage finanzieller Sicherheit im Alter.“ (Bild: IG BCE)
„Wirtschaftlicher Realismus und tarifpolitischer Weitblick prägen den Chemie-Tarifabschluss 2019“, unterstreicht BAVC-Präsident Kai Beckmann. „Wir schaffen neue Spielräume bei der Arbeitszeit, stärken die Qualifizierung im digitalen Wandel und gehen mit der Pflegeversicherung auch sozialpolitisch voran. […] Dieser Abschluss hebt unsere Sozialpartnerschaft auf eine neue Stufe. Wir stellen Fortschritt vor Verteilung – und zeigen damit auch der Politik in Berlin, wie es geht.“ (Bild: BAVC)
„In einer Situation mit eng begrenztem Verteilungsspielraum haben wir komplexe Verhandlungen zu einem guten Ende geführt“, urteilte BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller. „Mit einer außerordentlich langen Laufzeit und sehr moderaten Entgelterhöhungen konnten wir unsere wichtigsten Ziele erreichen. […] Alles in allem haben wir ein angemessenes und innovatives Paket geschnürt.“ (Bild: BAVC)
Ein individuelles Zukunftskonto für jeden Beschäftigten und Auszubildenden startet 2020 mit zwei freien Tagen und wächst bis 2022 auf fünf freie Tage pro Jahr oder 23 Prozent eines tariflichen Monatseinkommens. Freie Tage können jährlich genommen, auf Langzeitkonten angespart oder für die Altersvorsorge verwendet werden. Auch eine Auszahlung der Tage in Geld ist möglich. (Bild: a_korn – Fotolia)
Eine Neuerung ist Die Einrichtung der bundesweit ersten Pflegezusatzversicherung zum 1. Juli 2021, die für alle Arbeitnehmer ab sechs Monaten Beschäftigung greifen soll. „Mit dem Zukunftskonto und der tariflichen Pflegezusatzversicherung gehen wir einmal mehr neue Wege und gestalten wichtige Themen für eine sichere und gute Zukunft unserer Mitglieder“, meint der IG BCE-Vorsitzende Vassiliadis. (Bild: DigitalGenetics – Fotolia)
Entgelterhöhungen erfolgen in mehreren Stufen: Die Löhne und Gehälter steigen zum 1. Juli 2020 um 1,5 Prozent für zwölf Monate und um 1,3 Prozent zum 1. Juli 2021 für weitere neun Monate. Den Zeitraum bis Juli 2020 decken Einmalzahlungen ab. Von 2021 an steigt zudem die tarifliche Jahresleistung von derzeit 95 auf 100 Prozent eines Monatsgehalts. (Bild: Maksym Yemelyanov – Fotolia)
Entgelterhöhungen erfolgen in mehreren Stufen: Die Löhne und Gehälter steigen zum 1. Juli 2020 um 1,5 Prozent für zwölf Monate und um 1,3 Prozent zum 1. Juli 2021 für weitere neun Monate. Den Zeitraum bis Juli 2020 decken Einmalzahlungen ab. Von 2021 an steigt zudem die tarifliche Jahresleistung von derzeit 95 auf 100 Prozent eines Monatsgehalts. (Bild: Maksym Yemelyanov – Fotolia)

Die Sozialpartner in der Chemieindustrie betreten Neuland: Erstmals werden alle Tarifbeschäftigten einer Branche umfassend gegen das Pflegerisiko abgesichert. Der Start für das Programm Careflex Chemie erfolgt bei BASF, Bayer und Evonik.Read More

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